12.05.2006

Bilder einer Ausstellung


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Bericht
Ein Gang durch die Veranstaltung zu den einstigen
Jugendstraflagern in Moringen und der Uckermarck
im Rathaus der Stadt Gedern


Der Schock saß wohl bei einigen Bewohnern der Stadt Gedern aber auch von außerhalb regelmäßig zureisenden Kräften des Lehrkörpers der Gesamtschule Gedern tief, als im Jahr 2005 bei einer Probeabstimmung in dieser Schule fast 28 % der an jener Wahl teilnehmenden Schüler für die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) votierten.
Eilig versuchte man dieses Ergebnis herunter zu spielen und vermeintliche Kurskorrekturen über den Unterricht vorzunehmen. Der protestantische Pfarrer Johann sah sich dabei im Konfirmandenunterricht in einer Vorreiterrolle und war sich nicht zu schade, bei einem Info-Stand der NPD anläßlich der Bürgermeisterwahlen in der Stadt Gedern im vergangenen Jahr mit einer Tafel unter der Überschrift „Wehret den Anfängen“ an der Hauptstrasse zu stehen. Dass seine unangemeldete Kleindemo ohne Sanktionen seitens der Stadtoberen für ihn blieb, sei nur am Rande erwähnt, aber es blieb dann auch bei dieser einmaligen Übung der erhofften Kurskorrekturen, die uns eine ungewollte Aufmerksamkeit bescherte. Zünftig bediente nämlich der Kirchendiener in schwarzer Hose und weißem Hemd mit Kurzhaarschnitt eine Darstellungsweise der Medien zu Mitgliedern der NPD, welche deren Verantwortliche als ewig Gestrige zu pflegen vermögen.
Aber alle Bemühungen über Unterricht in Schule und Kirchengemeinderäumen sowie eine eilends organisierte Kleindemonstration, welche kaum von den Schülern beachtet wurde, schienen nicht viel zu nutzen.
Nun überlegte man sich etwas anderes und organisierte eine Ausstellung im Gederner Schloß zu einstigen Jugendstraflagern in Moringen und der Uckermark während der Zeit des III. Reichs.
Der Kreisvorstand der NPD im Wetteraukreis ließ es sich nicht nehmen, um diese Ausstellung gleich am ersten Tage ihrer Eröffnung zu besuchen, wobei das Erstaunen der Mitglieder des Kreisvorstands kein gering zu nennendes war, denn fand man doch beim Betreten des Ausstellungsraumes jenen bis auf die aufgestellten Plakatwände und die Erheber von Eintrittsgeld leer vor - auch hier schienen folglich die Bemühungen der selbst ernannten Demokratiewächter ganz offensichtlich in die berühmte Leere zu laufen.
Argwöhnisch beäugt und zeitweise mit bösen Blicken seitens der Aufpasser bedacht, wurden dafür die Mitglieder des Kreisvorstands der NPD beim Rundgang im Ausstellungsraum, wobei man diese dann als Belohnung für den unerhofften plötzlichen finanziellen Segen der Eintrittsgelder mit lauter Swing-Musik beschallte.
Der Bogen der Ausstellung selber war weit gespannt, denn die einstigen als Jugend-Konzentrationslager titulierten Horte für die zur damaligen Zeit rechtskräftig verurteilten Jugendlichen nahmen nur eine Nebenrolle ein.
Bilder zeigten Kinderleichen auf Bürgersteigen als Folge des anglo-amerikanischen Bombenterrors auf die deutsche Zivilbevölkerung während des letzten Weltkriegs sowie Angehörige der Hitler-Jugend bei Aufräumarbeiten in den Städten. Auch hier wurde dabei wieder einmal der Versuch gestartet, Deutschland die Alleinschuld am Ausbruch des letzten Weltkriegs zuzuweisen, wobei der aufgeklärte Besucher erstaunt lesen durfte: „Mit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 beginnt der von der faschistischen deutschen Staatsführung und den deutschen Industriekonzernen seit Jahren geplante Krieg.“
Daß es im Vorfeld dieses „seit Jahren geplanten Krieges“ immer wieder zu politischen Provokationen seitens der polnischen Staatsführung gekommen war, zivile Verkehrs-maschinen der LUFTHANSA auf dem Weg von Berlin nach Königsberg beschossen worden waren, Polen sich mit England und Frankreich mittels eines Beistandspaktes verbündet und für einen Krieg gerüstet hatte, immer neue Provokationen an der Grenze initiiert wurden, große Teile der deutschen Zivilbevölkerung der Stadt Bromberg einem Progrom durch die Polen zum Opfer fielen, verschwieg die Ausstellung.
Doch sollte diese Ausstellung im Gederner Schloß und Rathaus den Jugendlichen dieser Stadt eigentlich etwas ganz anderes vor Augen führen - im Dritten Reich wurden Teile der Jugend in Lagern eingesperrt, mußten dort arbeiten, wurden durch Aufseher terrorisiert und waren angeblich dort latent vor dem Tode bedroht.
Warum jedoch diese Jugendlichen sich dort befanden, verschwiegen die Organisatoren der Ausstellung weitgehend geflissentlich. Kriminalität hat es schon immer gegeben, sie existiert heute und wird, so lange Menschen existieren, auch in kommenden Zeiten leider eine Randerscheinung in der menschlichen Gesellschaft bleiben.
Hier ging jedoch die Ausstellung nicht auf die Ursachen ein, denn genauso wenig wie heute wurden auch zur Zeit des Dritten Reiches Menschen nicht grundlos ihrer persönlichen Freiheiten beraubt. Haftaufenthalte verursachen Kosten, denn die Volksgemeinschaft muß für Unterbringung, Verköstigung und Bewachung der sich im Bodensatz der jeweiligen Gesellschaft befindlichen Menschen aufkommen. Kriegszeiten sind zugleich auch Notzeiten, und folglich mußten die damaligen Delinquenten zu jener Zeit ihren Anteil zur Aufbringung der Haftkosten aufbringen, indem man sie zur Arbeit anhielt. Heute mögen diese Aufenthalte ungleich angenehmer mit Fernseher und diversen erlaubten elektronischen Spielen gestaltet werden, verursachen jedoch auch Kosten - Kosten, welche die bundesrepublikanische Gesellschaft in Zeiten latenter Arbeitslosigkeit, steigenden Sozialkosten und Steuerabgaben sowie weiter sinkender Kaufkraft aufzubringen hat.
Aber den aufmerksamen Beobachtern dieser Ausstellung entging auch nicht, daß die Bilder keine abgemagerten oder ausgemergelten Menschen zeigte. Teilweise waren darunter auch Bilder von lachenden Jugendlichen, welche ihren Tätigkeiten in diesen Lagern nachgingen. Kein leidender Mensch lacht jedoch in Zeiten von vorgeblicher Drangsalierung, im Angesicht seines Todes oder ganz trivial der Trauer ob seiner verlorenen Freiheiten.
Auch wurden auf den Tafeln exemplarische Fälle von Straftätern aus diesen Lagern aufgezeigt, welche bis in die heutige Zeit noch leben - unwillkürlich stellte sich dabei die Frage, ob es damals um einen Weg in die Vernichtung jungen menschlichen Lebens oder nicht vielmehr um Möglichkeiten von Läuterung und Besserung im Sinne einer Resozialisierung gegangen sein mag?
Erschreckend an den Bildern und Texten auf den Tafeln dieser Ausstellung war eigentlich vielmehr der Versuch etwas zu vermitteln, was in den angedeuteten Formen in beiden Jugendlagern niemals stattgefunden hat - die ganz gezielte und geplante Vernichtung menschlichen Lebens!
Wieder einmal mußte ein aufmerksamer Betrachter und Leser beim Gang durch jene Ausstellung zur Kenntnis nehmen, daß die Wahrheit der Historie nicht auf den Willen der Organisatoren derartiger Veranstaltungen reduziert werden kann, sondern in der heutigen Zeit leider nur allzu oft eigenständig aus historischen und zugleich authentischen Quellen sowie vom Zeitgeist unbeeinflußten Publikationen erarbeitet werden muß, um Grundsätze einer ernsthaften und der Wahrheit verpflichteten Objektivität zu wahren.


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