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09.09.2008

Lesezeit: etwa 3 Minuten

NPD-Euphorie in Kassel

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Bericht
Kunst wirkt heute selten aus sich selber, sondern benötigt die Provokation, den "Kick" des Besonderen, denn geistige Erhebung und Schönheit sind nicht mehr ihre Maxime. Daß die NPD von der Konsumkunst unserer Tage einmal profitieren könnte, hätten Nationalisten selber kaum vermutet. Doch die Effekthascherei treibt seltsame Blüten und läßt bisweilen Früchte wachsen, die sie selber nicht will.

Der Schweizer Künstler Christoph Büchel inszenierte eine Ausstellung, welche die deutschen Realitäten wiederspiegeln soll. Mancher Besucher wird den Unterschied zur realen Welt kaum wahrgenommen haben. Nur, daß man bei Büchel Eintritt zahlen mußte, um zu Mäc Geiz und Spielhölle zu gelangen. Tatsächlich bemerkenswert war allein die Parteienmesse "politica", die, Abbild der Wirklichkeit, doch etwas darstellte, was nicht wirklich ist: politische Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung. Und vor allem: Eine politische Landschaft ohne CDU, SPD, FDP, GRÜNE und LINKE.

Großen Andrang und gesteigertes Interesse konnte nach dem vorausgegangenen Medienrummel und dem Geschrei vom "Eklat" besonders die NPD verzeichnen. Die Teilnahme der nationalen Partei kann durchaus als Höhepunkt der Messe gewertet werden. Die Absage der Etablierten erwies sich hingegen als Rohrkrepierer. Selbst Sympathisanten und Mitglieder der Bundestagsparteien zeigten kein Verständnis für das Verhalten ihrer Parteien. Umso neugieriger war man, was die NPD zu bieten hatte. Und das war einiges. Die zwei Tage wurden ausgiebig genutzt, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und Klischees abzubauen, denn die sitzen – gerade im Westen der Republik – noch sehr fest.

Die Museumsnacht am Sonnabend war ein Publikumsmagnet. Über 7.000 Personen drängten sich bis zur Mitternacht durch die Ausstellung – und keiner kam an der NPD vorbei. Getuschel, Geraune, Freude, Aufregung, Ablehnung und Zustimmung wechselten einander ab. Ganz gleich, welche Reaktion gezeigt wurde: Bei der NPD blieb kaum jemand gleichgültig.

Neben den Gesprächen mit Bürgern nutzten die NPD-Vertreter auch die Möglichkeit, mit anderen Parteien ins Gespräch zu kommen. Es ist schon erstaunlich, wie viele Gemeinsamkeiten mit unzähligen Gruppierungen bestehen. Die Ablehnung der real existierenden etablierten Parteiendiktatur ist ebenso weit verbreitet wie Vorstellungen über ein neues, souveränes Vaterland. Selbst mit linken Parteien ist ein punktueller Konsens auf vielen Gebieten möglich. Verbohrt und dogmatisch sind nur die Versagerparteien, die Angst haben, Macht zu verlieren.

Beachtlich ist in diesem Zusammenhang die abgehobene Arroganz der selbsternannten Volksparteien. Sie sagten nämlich nicht nur ab, weil die NPD vor Ort war, sondern auch, weil man ihnen nur einen Stand in der Größe der anderen Parteien zugestand. Es ist schon erstaunlich, daß jene, die Politik, Medien und Justiz beherrschen, nicht die innere Größe besitzen, auf Augenhöhe mit Konkurrenten in den Wettbewerb zu gehen. Ach, würden sie sich doch auch aus dem Wahlwettbewerb zurückziehen, nur weil die NPD auf dem gleichen Wahlzettel steht.

Der Mut von Christoph Büchel ist angesichts der vorherrschenden politischen Korrektheit sicherlich bemerkenswert. Doch lebt er natürlich von der Provokation. Das Beharren auf einer Teilnahme der NPD war auch Kalkül. Eine bessere Werbung für seine Ausstellung hat er sich nicht wünschen können. Den positiven Effekt für die NPD nahm er in Kauf – auch am Sonntag, als die NPD die Gelegenheit bekam, in einem Saal der Ausstellung eine Rede von 15 Minuten vor den Ausstellungsbesuchern zu halten. Anders als bei den übrigen Parteien war der Saal bei der NPD übervoll und es knisterte förmlich, als Andreas Storr ans Rednerpult ging und über politische Realitäten und nationale Visionen sprach. Die meisten Anwesenden hörten gespannt zu, obgleich nur wenige zu applaudieren wagten – so recht traute man der tatsächlich praktizierten Meinungsfreiheit nicht. Aber auch Ablehnung war nur in Form gröhlenden Lärms einiger betrunkener Punker zu vernehmen.

Die NPD-Rede war zugleich Höhepunkt des Ausstellungswochenendes, danach ebbte der Besucherstrom merklich ab und hinterließ die politische Kunstlandschaft, wie er auch die politische Realität oft gleichgültig hinter sich läßt. Die Ausstellung, und mit ihr der NPD-Stand, ist noch bis zum 16. November geöffnet.
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